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Das Land als Sehnsuchtsort

Vor meinem Fenster steht eine große Platane. Plötzlich sind ihre Blätter gelb und es ist Herbst. Seit ich in der „Großstadt“ Berlin lebe, habe ich immer das Gefühl ich verpasse den Wechsel der Jahreszeiten und werde regelmäßig von ihm überrascht.

Groß geworden bin ich auf dem Land. Ein klitzekleiner Ort, mit einer Handvoll Einwohner, die größtenteils aus meiner Familie bestehen. Unser Haus steht direkt am Wald. Direkte Nachbarn gibt es nicht. Nur die „grüne Hölle“, wie meine Mutter sie nennt. Wie sehr mich das geprägt hat, merke ich erst, je älter ich werde. In regelmäßigen Abständen brauche ich Grün und Luft und Platz und muss raus aus der Stadt.
Das Landleben als Sehnsuchtsort, der Ruhe, Kontemplation und das ‘einfache’ sinnerfüllte Leben im Einklang mit der Natur verspricht, ist ein Phänomen, was schon die Antike kannte. Wer einen Blick in Vergils Hirtengedichte, die „Bucolica“, oder in die „Georgica“ – ein Lehrbuch in Versen über die Landwirtschaft – wirft, findet dort selbige Bilder. Diese gewisse Romantisierung von Ländlichkeit und der damit oft Hand in Hand gehende konstruierte Antagonismus zwischen Stadt und Land, lässt sich als beständiges Thema in der europäischen Kultur finden. Sei es in der der „europäischen“ Malerei des 17. Jahrhunderts, in der die Landschaft ein eigenständiges Bildthema wird oder in anderen Darstellungsformen und Imaginationen. Man denke zum Beispiel an Marie-Antoinettes „Hameau de la Reine“, eine Art Miniaturbauernhof in Versailles.

„Das Landleben als Sehnsuchtsort, der Ruhe, Kontemplation und das ‘einfache‘ sinnerfüllte Leben im Einklang mit der Natur verspricht, ist ein Phänomen, was schon die Antike kannte.“

Ein Leitmotiv dieser Ideen von Ländlichkeit, nämlich die „Sehnsucht“ in der Natur zu sich selbst zu finden, hat heute weiterhin Konjunktur. Das zeigen etwa der Erfolg der Zeitschrift „Landlust“ und die zahlreichen „Gummistiefel an und ab in den eigenen Kräutergarten“ Romane – die vor allem in Bahnhofsbuchläden ausliegen. Wer das Kontrastprogramm zu diesen Ausführungen sucht, dem seien u.a. diese Werke empfohlen: Juli Zehs „Unterleuten“, Gerhard Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ sowie Emily Brontës „Wuthering Heights“.

Ich selbst empfinde das Leben auf dem Land tatsächlich als ruhiger und viel mehr von der Natur geformt. Ist der Lebensrhythmus der Landbewohner doch weiterhin stark von der Landwirtschaft geprägt, die selbst wiederum vom Wechsel der Jahreszeiten bestimmt wurde und wird.
Eine erzwungene Entschleunigung bringen auch die längeren Wege mit sich, die zurückzulegen sind, um Nachbarn und Freunde zu besuchen. Ohne Auto ist es kompliziert, da die Bus- und Bahnanbindungen nicht in die kleinsten Dörfer reichen und es für das Fahrrad zu weit ist. Mit drei Geschwistern ging und geht es wenn wir alle zuhause sind häufig darum, wer wann das Auto nehmen darf. Das endet meist in lautstarken Schreikonzerten.

„Ich selbst empfinde das Leben auf dem Land tatsächlich als ruhiger und viel mehr von der Natur geformt.“

Um auf die Jahreszeiten zurückzukommen: man bekommt sie stärker mit auf dem Land. Umgibt die Natur einen dort doch viel unmittelbarer, als in der kleinen Wohnung in der Stadt. Dort reicht der Blick meist nur bis zur nächsten Hauswand oder wenn man Glück hat auf die Platane vorm Fenster. Wenn ich dort sitze, mit Blick auf die Platane, und die Augen schließe, kann ich die Jahreszeiten zu Hause riechen, sehen und fühlen. Ich höre das Grillenkonzert aus dem August und rieche die Glyzinie, die lila die Hauswand hochklettert. Ich rieche die vermodernden Blätter auf dem Waldweg hinter dem Haus und das zermatschte Fallobst, was süßlich duftet. Ich weiß, dass ab Dezember die Sonnenuntergänge in kitschigen Rosa-Blau-Gelb-Tönen Weihnachten verheißen und das eingefrorene Finger und Zehen beim Auftauen kribbeln. Ich sehe die Schneeglöckchen, die dem Frost zum Trotz die Köpfe gen Sonne recken und den Frühling verheißen und rieche den Raps, der knallgelb, die Felder bis an den Horizont bedeckt, und dessen süßlich nasser Geruch mir in die Nase steigt ….