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Die Konzerne leben davon, dass wir uns hässlich finden

Sie dürfen zehn Gäste zum Dinner einladen. Tot oder lebendig. Politiker, Dichter, Umweltschützer, von uns aus auch Justin Bieber. Wer kommt? Ein Platz ist übrigens schon vergeben, nicht dass Sie sich wundern. An Marieke Eyskoot, 42. Die holländische Moderatorin rockt jede Party nachhaltig. Nachhaltigkeit ist ihr Thema (ihre Gebrauchsanleitung „This is a Good Guide – for a Sustainable Lifestyle“ ist gerade erschienen). Und Feminismus auch. Sie ist eine, die lieber mit Achselhaaren, leuchtend blauen Fingernägeln – ihr Markenzeichen –  und einem Tampon in der Hand zugrunde gehen würde, als sich weiter vorschreiben zu lassen, wie Frauen auszusehen haben. Ein Gespräch mit einer Kämpferin

Nehmen Sie uns mit in den Supermarkt. Was darf nicht in den Einkaufswagen?

Meine Lieblingsdisziplin! Wir wollen alle immer das maximale Einkaufserlebnis. Also klettern wir in den Kühlschrank, um die Milch zu finden, die am längsten haltbar ist. Aber die, die vorher abläuft und vollkommen in Ordnung gewesen wäre, wird weggeworfen. Jeder dritte Artikel landet auf der Müllkippe! Verschwendung. Geld spart man auch nicht mit der, die länger haltbar ist. Und überhaupt, wer braucht schon drei Wochen für eine Milch?

Viele denken frischer ist besser. 

Das ist Hirnwäsche. Die Haltbarkeitsdaten sind so streng bemessen, dass man vieles noch Tage oder Wochen nach Ablauf essen könnte.

In der Kiste mit den reduzierten Artikeln zu wühlen, ist uns trotzdem peinlich.

In Eyskoots Buch liegt der Fokus nicht auf Mode und Schönheit, sondern Themen wie Essen, Arbeit, Reisen und sozialen Themen finden ihren Platz.

Fast schon ein Tabu, ich weiß. Aber Nachhaltigkeit ist nicht immer schick. Und auch kein elitäres Ding. Es gehört uns allen. Wir denken immer, umweltbewusst zu leben, ist teuer. Aber das muss es nicht sein. Ich liebe es, Tabus zu brechen.

Welche noch?

Achselhaare. Hier, ich habe welche (zeigt uns ihre). Ich finde sie sexy. Warum soll ich meine Achseln rasieren? Männer müssen das auch nicht. Es wächst da, es ist ganz natürlich, warum soll ich mich dafür schämen? Ja, ich rasiere mir die Beine, weil ich Haare an den Beinen nicht mag. Das macht mich aber nicht zur Heuchlerin. Ich entscheide über meinen Körper. Wir Frauen haben diese „reinen“ Püppchen zu sein. Weil Hersteller ihre Produkte verkaufen wollen. Da bin ich raus.

Spätestens bei der nächsten Monatsblutung.

Das ärgert mich auch. Am besten wäre es, wenn ich sie nicht hätte. Wenn ich zur Toilette gehe, dürfen die anderen nicht sehen, dass ich einen Tampon in der Hand halte. In der Werbung ist die Flüssigkeit blau. Blut ist doch nicht blau! Aber es tut sich was. Die beste Kurzdoku bei den Oscars war ein Beitrag über die Periode. Ohne die im Übrigen niemand existieren würde.

Selbstbestimmung ist also wichtig für ein gesundes Body Image. Und hin und wieder Schokolade.

Ich habe letztens eine Schokoladen-Konferenz moderiert. Die Kakaoindustrie hat große Probleme. Pestizide, Kinderarbeit… Die Wahrheit ist echt bitter. Wenn ich spare, muss ein anderer dafür bezahlen. Ich kaufe jetzt nur noch Fairtrade und versuche, mir nicht gleich die ganze Tafel in den Mund zu schieben. Das ist gesünder für mich und für die Kakaobauern. Vom Preis einer normalen Tafel Schokolade bekommen sie nur vier Cent.

Müssen wir nicht sowieso vegan essen, um den Planeten zu retten?

Zumindest sollten wir unseren Fleisch- und Milchkonsum krass reduzieren. Das würde auf so vielen Ebenen helfen. Weniger Treibhausgase, weniger LKWs auf den Straßen, weniger Tiere, die leiden. Das Soja, für das der Regenwald abgeholzt wird, ist hauptsächlich Viehfutter. Der Pestizidverbrauch im Anbau ist enorm. Und ich höre von so vielen Seiten, dass die Haut schöner wird, wenn man auf tierische Produkte verzichtet. Bei Green Kitchen Stories gibt’s übrigens tolle vegetarische Rezepte.

Bauwolle ist genauso schlimm wie Soja. Dürfen wir bei den großen Modeketten noch einkaufen?

Wenn man bedenkt, wie mächtig diese Ketten sind, wieviel Geld in Innovation fließen könnte, sollten sie schon viel weiter sein. Ich würde aber niemals zum Boykott auffordern – es sei denn, die Fabrikarbeiter wollen das. Ohne die Arbeit wären viele von ihnen aufgeschmissen. Fast Fashion muss aber transparenter werden. Es reicht nicht, wenn sich die Konzerne für ein paar nachhaltige Teile im Sortiment auf die Schulter klopfen. Sie müssen zugeben, was noch nicht erreicht wurde – and warum nicht. Niemand kann für Greenwashing beschuldigt werden, wenn er die ganze Wahrheit erzählt.

Warum kaufen wir überhaupt so viel?

Wir kaufen, um eine innere Leere zu füllen. Wir wissen, dass das nicht funktioniert, machen es aber trotzdem. Weil wir täglich bombardiert werden mit Botschaften wie „Dir fehlt was. Du siehst nicht so aus, wie Du aussehen solltest. Deine Haut hat keinen Glow. Du trägst nicht die richtige Tasche. Du siehst nicht aus wie ein Model.“ Was ohnehin unmöglich ist. Die meisten von uns sind nicht extrem groß, jung, dünn und weiß. Und weil wir alle dazugehören wollen, konsumieren wir. Ganz hart gesagt finden die Hersteller es toll, wenn wir uns hässlich finden. Das ist sehr lukrativ.

Unser Optimierungswahn macht es uns schwer, nachhaltig zu leben?

Genau. Weniger Konsum wäre so viel besser für die Umwelt. Wir müssen uns diesem System widersetzen, das uns das Gefühl gibt, nicht gut genug zu sein. Dann können wir uns selbst UND den Planeten retten.

Mehr zu Marieke Eyskoot findet Ihr unter: www.mariekeeyskoot.nl

“This is a good Guide” ist das perfekte Nachschlagewerk für nachhaltige Alternativen. Eine wundervolle Inspiration – ohne mit dem Zeigefinger zeigen!