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Frauen unter Dauerstress: Warum Frauen immer häufiger unter dem Rushing-Woman-Syndrom leiden und was wir dagegen tun können

Es ist schon verrückt: Vor gar nicht allzu langer Zeit waren wir noch unerreichbar, wenn wir einkaufen gingen oder die Kinder in die Schule brachten. Heute werden wir immer und überall von Anrufen und Push-Nachrichten bombadiert. Sogar an der roten Ampel checken wir unser Handy – aus Angst, etwas zu verpassen. Multitasking gehört zum Standard: Wir schreiben E-Mails, während wir telefonieren und hören laute Musik beim Joggen. Weil wir Menschen heute ständig in Eile sind, hat sich auch unser Essverhalten verändert. Essen muss einfach und praktisch sein. Und so essen viele vorgefertigte Nahrung, die weniger Nährwerte als frische enthält. Hinzu kommt, dass die meisten von uns, ihre Arbeit im Sitzen verrichten und deswegen unter Bewegungsmangel leiden. Wir haben uns so weit von unseren Ursprüngen entfernt. Doch mit dem Tempo der Veränderung, das die heutige Zeit von uns abverlangt, kann der Körper häufig nicht mithalten. Vor allem Frauen leiden vermehrt unter Stress – und zwar unter Dauerstress. Dieses Phänomen nennt die australische Bio-Chemikerin Dr. Libby Weaver „Rushing-Woman-Syndrom“.

Darum leben Frauen gehetzter als Männer

Frauen ticken von Natur aus anders als Männer. Sie sind emotionaler und können schlechter Nein sagen. Darüber hinaus sind Frauen oft perfektionistischer und wollen alle Aufgaben in Familie, Beruf, sozialem Umfeld perfekt meistern – und vergessen dabei ihre eigenen Bedürfnisse. Neuesten Forschungsergebnissen zufolge unterscheiden sich Frauen aber auch in Sachen Stress und Stressbewältigung vom männlichen Geschlecht.

„Die Gesundheit und das Verhalten von Frauen haben sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Mit Job, Ehe, Hausfrauen- und Mutterrolle ist die Frau von heute mehrfachbelastet. Hinzu kommt, dass sie versucht, allem und jedem gerecht zu werden. Dieser ständige Druck, von innen und außen, sowie das irrwitzige Tempo unserer heutigen Zeit können für Frauen extreme körperliche und psychische Folgen haben.“
Dr. Libby Weaver.

Die Wirkung von Stress

Stress entsteht im Gehirn, sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Zunächst als der Helfer in der Not: Der Organismus versetzt sich als Reaktion auf besondere Belastungen selbst in einen Ausnahmezustand, indem er das akute Stresshormon Adrenalin ausschüttet. In erster Linie um durch Kampf oder Flucht unser körperliches Überleben sicherzustellen. Ein Schutzmechanismus, begleitet von kurzfristigem Herzrasen, verstärktem Schwitzen und einem Anstieg des Blutzuckerspiegels. Ein Energieschub sozusagen, um aus einer akuten Gefahrensituation zu entkommen. In unserer modernen Gesellschaft ruht die Adrenalinausschüttung allerdings nicht wie früher auf einer lebensbedrohlichen Situation, sondern auf psychischen Stress. Haben wir ernsthafte Sorgen, also chronischen Stress, kommt das Hormon Cortisol ins Spiel. In geringen Mengen ist Cortison sogar gut für den Körper, es wirkt Entzündungsreaktionen und puffert die Insulinwirkung ab. Wenn der Stress allerdings über lange Zeit anhält, produziert der Körper zuviel davon.

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Neueste wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass das Stresshormon Kortisol bei Frauen und Männern unterschiedlich aktiviert wird.

Cortisol vermittelt jeder Körperzelle, dass das Essen knapp wird. Wichtig, denn in früheren Zeiten mussten wir Hungersnöte, Überschwemmungen und Kriege überstehen. In solchen Zeiten wussten wir nicht, wann es das nächste Mal etwas zu essen gibt. Die Fettverbrennung wird zurückgeschraubt, Fett wird gespeichert und der Stoffwechsel gedrosselt. Das letzte, was der Körper jetzt gebrauchen kann, ist eine Schwangerschaft. Die Folge: Die Sexualhormone geraten durcheinander, die Progesteronproduktion wird gesenkt. Geraten bei einer Frau die Sexualhormone aus dem Gleichgewicht, wird sie zum wandelnden Pulverfass. Kommen dann noch Probleme wie ein finanzieller Engpass oder gar ein Schicksalsschlag hinzu, kann das Leben ein echter Kampf werden.

Check-Liste zur Feststellung des Stress-Levels:

  • Haben Sie auch das Gefühl, dass der Tag einfach zu wenig Stunden hat?
  • Fühlen Sie sich ausgepowert und gleichzeitig aufgedreht?
  • Sind Sie leicht reizbar?
  • Fühlen Sie sich oft überfordert?
  • Fühlen Sie sich wie in einem Hamsterrad?
  • Geraten leicht in Panik?
  • Fühlen Sie sich ohne Ihr Smartphone unvollständig?
  • Können Sie schlecht schlafen oder schlafen dauerhaft zu wenig, weil Sie abends noch liegengebliebene Dinge erledigen?
  • Ist Kaffee tagsüber Ihr Energiespender, Rotwein abends Ihr Relaxer?
  • Fühlen Sie sich schuldig, wenn Sie etwas nicht schaffen oder gar Nein sagen?
  • Können Sie selbst im Urlaub nicht abschalten und kommen kaum zur Ruhe?
  • Haben Sie entweder wenig oder oft ungezügelten Appetit mit Heißhungerattacken auf Süßes?
  • Atmen Sie in kurzen, flachen Zügen und geraten Sie leicht außer Atem? Seufzen Sie viel?
  • Haben Sie oft Verdauungsprobleme wie Blähungen oder typische Reizdarmsymptome?

Die Folgen von chronischem Stress

Wird die Ausnahme zur Regel, wird die Sache problematisch. Viele Frauen stehen heute unter ständigem Adrenalineinfluss, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Der menschliche Körper ist sehr widerstandsfähig, aber er ist nicht dafür gemacht, langanhaltenden Stress über Jahre standzuhalten. Dauerhaft erhöhte Cortisolwerte setzen Veränderungen der Körperchemie in den Gang. Wir verlangen dann ständig „Überstunden“ von unserem Gehirn und von Entgiftungsorganen wie Leber und Nieren. Die Folgen: Schlafstörungen und Gewichtsprobleme, Prämenstruelles Syndrom (PMS) und Menstruationsbeschwerden, Migräne und Angstzustände bis hin zum Burn-out. Dauerstress steht auch in enger Verbindung mit vielen chronischen Krankheiten wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Darmbeschwerden wie Reizdarm.

Vom to-do zum to-enjoy

„Um aus der Abwärtsspirale herauszukommen, spielt die innere Haltung eine wesentliche Rolle“, sagt Dr. Libby Weaver. Wer an allen Baustellen des Lebens gleichzeitig 100 Prozent Leistung abliefern will, hat den falschen Ansatz. Das gibt das Leben einfach nicht her. Stellen Sie sich immer die Frage, was Sie persönlich glücklich macht und lassen Sie sich dabei nicht von ihrem Umfeld beeinflussen. Sind es die Kinder, der Partner, Hobbys oder die Freude am Job? Und haben Sie Ihre eigene Gesundheit immer im Blick? Wer die Aufgaben, die daheim oder im Büro warten, gern verrichtet und sich in seinem sozialen Umfeld wohlfühlt, ist nachweislich belastbarer. Man kann sich seinen Alltag nicht immer aussuchen. Aber statt sich nach dem Job jeden Tag noch einen knallharten Termin im Gym aufzuhalsen, einfach mal völlig ohne Zeitdruck nach Hause spazieren. Das wirkt Wunder und funktioniert auch in der Großstadt. Hauptsache, Sie haben Spaß.

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Die innere Haltung spielt eine wesentliche Rolle, um aus der Abwärtsspirale herauszukommen.
  1. Richtig atmen
    Mit kurzem, flachem Ein- und Ausatmen signalisieren wir dem Körper, dass unser Leben in Gefahr ist. Tiefe, lange Atemzüge, die das Zwerchfell einbeziehen, vermitteln Sicherheit und wirken Angstsymptomen entgegen. Beginnen Sie den Tag mit 20 langen Atemzügen und schieben Sie im Tagesverlauf immer wieder tiefes Durchatmen ein. In Meditationskursen kann man bewusstes Atmen erlernen.
  2. Die Verdauung ankurbeln
    Überdenken Sie Ihre Essgewohnheiten. Eile und Zeitdruck beeinflussen den Darm negativ. Kauen Sie langsam, ruhig und konzentriert. Essen Sie nicht zu viel und nicht zu spät. Abends sollten Sie unbedingt auf schwer verdauliche Lebensmittel verzichten, damit der Darm in der Nacht keine Schwerstarbeit leisten muss.
  3. Nein sagen
    Das Problem sind nicht die Aufgaben, sondern wie man mit ihnen umgeht – ob man angesichts seiner To-do-Liste in Panik gerät oder ruhig bleibt. Überprüfen Sie Ihre Verhaltensmuster. Spielen Sie mal gedanklich durch, was passiert, wenn Sie nicht alles auf einmal erledigen. Die Welt wird vermutlich nicht untergehen …
  4. Sanft und moderat sporteln
    Sport baut Stress ab, aber nur, wenn die Dosis stimmt. Schweißtreibende HIT-Work-outs können in hitzigen Phasen kontraproduktiv sein, weil sie das bereits angeschlagene Nervensystem noch mehr überanstrengen. Lieber moderate, regelmäßige Bewegung wie Gymnastik oder Yoga in den Alltag integrieren. Und nicht zu spät abends trainieren, das hemmt den Schlaf.
  5. Familie und Freunde treffen
    Kinder können manchmal nervig sein. Aber nicht die Kleinen selbst sind der Stressfaktor, sondern die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Kids sind eine echte Gesundheitsressource, aus denen Eltern Motivation ziehen können und die ihnen beim Abschalten nach Feierabend hilft. Sie haben Ihre Freunde vernachlässigt? Rufen Sie sie noch heute an. Wetten, dass Sie sich nach dem Gespräch besser fühlen?
  6. Auf den Körper hören
    Bestimmte Ruhephasen sind von der Natur vorgesehen. Die Menstruation zum Beispiel ist der natürliche Zeitraum, an dem Frauen etwas kürzertreten sollten. Falls wir jedoch unser Bedürfnis nach Abschalten und Ausspannen vernachlässigen, leisten wir typischen PMS-Symptomen wie Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen und Kopfschmerzen Vorschub. Gehen Sie rechtzeitig zu Bett und nehmen Sie sich nicht zu viel vor.
  7. Auf heilsame Nahrungsmittel achten
    Stabilisieren Sie Ihren Blutzuckerund Insulinspiegel mit einer abwechslungsreichen, vollwertigen Ernährung. Das bedeutet: viele frische Zutaten, grünes Blattgemüse, dunkle Obstsorten wie beispielsweise Heidelbeeren, heilsame Kräuter wie Thymian. Verwenden Sie hochwertige Fette wie Leinöl und meiden Sie Transfette aus Fertigbackwaren und Chips. Reduzieren Sie Ihren Kaffeekonsum, denn Koffein fördert die Adrenalinausschüttung. Trinken Sie stattdessen grünen Tee. Meiden Sie weißen Industriezucker und zu viel Alkohol.

 

Das Rushing Woman Syndrom von Dr. Libby Weaver
Das Rushing Woman Syndrom von Dr. Libby Weaver, Trias Verlag, 280 Seiten, 19,99 Euro

 

 

 

 

 

Seit mehr als 12 Jahren ist Stephanie Neubert im Beautykosmos von Grazia, Gala Style, Harper’s Bazaar und Flair und anderen unterwegs und hat so einiges Verrücktes erlebt in dieser Zeit. Mit den Jahren wuchs bei ihr vor allem das Interesse an Skincare- Ernährungs-, und Wellbeingthemen. „Eine gesunde Leidenschaft und eine eigene Meinung sind mir wichtig“, sagt Stephanie, die seit über fünf Jahren als freie Journalistin in Berlin lebt. Stichwort Leidenschaft: Stephanie, ist eine leidenschaftliche Vintage- und Vasensammlerin, Köchin mit Leib und Seele und Fan von reichhaltigen Hautpflegeölen.