Type and press Enter.

Sustainable-Talk: Anita Tillmann im Interview über die Zukunft von nachhaltiger Mode

Anita Tillmann zählt als Gründerin der Modemesse Premium zu den wichtigsten Modemenschen in Deutschland. Sie hat den Standort Berlin zu einem wichtigen Dreh und Angelpunkt für die Branche gemacht. Sie möchte als Impulsgeber, die Premium und die gesamte Berliner Fashion Week in eine nachhaltige Zukunft führen. Jetzt rückt sie das Thema Nachhaltigkeit ins Design- und Premium-Segment, zeigt Modemachern, welche umweltfreundlichen Möglichkeiten innovative Materialien bieten und fordert ein Umdenken herkömmlicher Strukturen. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie ihr Weg in eine nachhaltige Zukunft aussieht.

Was bedeutet für Sie persönlich ein nachhaltiger Lebensstil?

Nachhaltigkeit durchdringt bei mir alle Bereiche des Lebens, Umwelt, Beziehungen und den Büroalltag. Es geht mir darum, nachhaltige Werte zu schaffen. Deshalb ist das ein sehr großes Wort für mich – beruflich wie privat. Umweltschutz, zum Beispiel, ist ein Wert, der mir bereits in die Wiege gelegt wurde. Ich komme aus einem Elternhaus, in dem wenig Plastik benutzt und Dinge wiederverwertet wurden. Und das gebe ich jetzt an meine Töchter weiter.

Wie integrieren Sie Zero Waste in ihren Alltag?

Zero Waste Supermärkte sind natürlich ideal, aber es gibt auch Biosupermarktketten, die wenig Plastik verwenden. Obst und Gemüse sind dort unverpackt, man bringt sich Tragetaschen von Zuhause mit. Für meine Kinder und mich ist es selbstverständlich, auf Plastiktüten, Strohhalme oder Wattestäbchen zu verzichten. Wir fahren, so viel es geht, mit dem Fahrrad und verreisen lieber mit dem Zug als mit dem Flugzeug. Für 2019 haben wir uns vorgenommen für jede Flugreise einen Baum zu pflanzen. Außerdem haben wir jetzt ein Hybrid-Auto bestellt. Jeder sollte mit irgendetwas anfangen, in der Masse können wir so einen Impact erzielen.

Sie sind für ihren trendbewussten und besonderen Stil bekannt. Weckt nachhaltige Mode bereits genügend Begehrlichkeiten in Ihnen?

Bisher habe ich noch keinen Designer gefunden, der komplett nachhaltig produziert und es trotzdem schafft, meinen ästhetischen Ansprüchen zu genügen. Wenn dem jemand Nahe kommt, dann ist das mit Sicherheit Stella McCartney. Auch die Sneaker-Marke Veja, die bei uns auf der Messe angefangen hat, hat es verstanden Design und Nachhaltigkeit zu verknüpfen. Heute sind die Sneakers neben großen Designern in Luxus-Boutiquen vertreten. Wir befinden uns in einer Umbruchsphase. Während nachhaltige Mode früher Mal politisch motiviert war, entsteht sie heute tatsächlich aus dem Design-Bereich heraus. Und das ist auch wichtig, denn nicht jeder, der nachhaltig lebt und denkt, ist auch ein guter Designer. Neben dem Handwerk ist heute auch ein gutes Gespür für den Markt und die Bedürfnisse der Konsumenten gefordert. Für diese neue Designer-Generation ist Nachhaltigkeit mittlerweile selbstverständlich.

Wickelmantel aus 100 % Wolle von Stella McCartney, um 1.595 Euro, über stellamcartney.de

Wie wirkt sich diese Entwicklung auf die neue Struktur der Premium Messe aus?

Als wir 2005 nachhaltige Mode auf der Messe einführten, gab es noch zwei Lager. Die einen haben Nachhaltigkeit zu einem politischen Thema gemacht und die anderen wollten sich genau wie andere Premiummarken präsentieren und sich als Brand über das Design und nicht über die Nachhaltigkeit definieren. Das erste Lager hat dann mit der Neonyt seine Plattform gefunden. Letzteres ist entweder auf der Seek oder der Premium vertreten. Auf der Seek haben heute über 20% der Marken Social Responsibility und Umweltschutz auf der Agenda, ohne das großartig zu thematisieren. Mittlerweile glauben wir aber daran, dass es für den Handel förderlich ist, das in den Fokus zu rücken, da das Bedürfnis des Endverbrauchers nach nachhaltigen Produkten steigt. Wir haben auf der Premium beispielsweise Marken wie North Sails dabei, die erstmals nur ihre Plastik-Kollektion präsentieren und den Rest zu Hause lassen. Ecoalf und Save the Duck sind komplett nachhaltig, außerdem werden sich kleinere Nischenmarken präsentieren. Wir haben Javier, den Gründer von Ecoalf, als Leuchtfigur zu Besuch. Er stellt mit seinem Label mittlerweile fast 15 innovative und umweltfreundliche Textilien her, die er der Industrie anbietet. Es wird auch einen Talk mit ihm geben.

Der Sunstainable-Talk mit Javier Goyeneche von Ecoalf findet am Mittwoch, 16.01.2018, 10 und 14 Uhr, 5. Etage im Kühlhaus – gleich neben der Premium – statt

Was erhoffen Sie sich dadurch?

Wir wollen hier als Impulsgeber fungieren und den Ausstellern damit zeigen, was es für neue Möglichkeiten gibt und sie dazu ermuntern, in Nachhaltigkeit zu investieren. Mit diesem Anspruch haben wir 2013 bereits Parley Ocean Plastic nach Berlin geholt, woraus dann Kooperationen mit G-Star und Adidas entstanden sind. Ich habe zwar etwas gegen den erhobenen Zeigefinger, ich glaube aber trotzdem daran, dass es 2019 definitiv an der Zeit ist, laut zu werden. Es ist mehr als kritisch. Und wenn jeder ein bisschen was tut, kommen wir gemeinsam einen Riesenschritt weiter.

Welches Potenzial sehen Sie für den Modestandort-Berlin in der nachhaltigen Bewegung?

Wir haben damit schon jetzt ein Alleinstellungsmerkmal. Die Neonyt ist die größte und wichtigste Messe Europas in diesem Bereich, auf der Seek manifestierten sich mit dem jüngeren Sportwear-Segment die Werte einer neuen Generation und einer globalen Jugendbewegung und mit der Premium dringt nachhaltige Mode jetzt auch in den Luxusbereich vor. Mit dem German Fashion Council arbeiten wir mittlerweile sehr eng mit der europäischen Union zusammen, die die Entwicklungen nachhaltiger Materialien fördert. So stellt der BASF etwa Plastiktüten her, die sich komplett auflösen. Das alles macht uns in Europa zum Vorreiter und setzt uns ganz klar von Mailand und Paris ab. Darauf müssen wir weiter aufbauen.

Sie verfolgen als Messe-Veranstalterin auch einen holistischen Ansatz…

Ja klar! Wir benutzen keine Teppiche mehr. Wir verzichten so gut es geht auf Plastik – das fängt schon beim Catering an. Wir bauen unsere Möbel selbst und lagern sie zur Wiederverwertung immer wieder ein. Goodie-Bags haben wir komplett abgeschafft. Zusammen mit der Berliner Organisation One Warm Winter starten wir auf der Seek die Aktion „GIVE BAG“, im Zuge derer wir Marken (Aussteller) auffordern, ihre alten oder leicht defekten Kollektionsteile mitzubringen, die wir dann gesammelt an Obdachlose spenden. Damit wollen wir auf den Überfluss aufmerksam machen, der von der Modebranche produziert wird. In den letzten zehn Jahren haben sich die Marken dahingehend entwickelt, komplette Kollektionen zu produzieren, statt sich auf wenige Produkte (Produktgruppen) zu limitieren und deren Herstellung zu perfektionieren. Hier zählt ausschließlich das Wachstum, ob der Endverbraucher das alles braucht, bleibt dabei irrelevant. Mit der Aktion, die gleich vor den Toren der Seek stattfidnen wird, wollen wir ein Zeichen setzen. Gerade, wenn man weiß, wieviel Kleidung verbrannt wird und wie negativ sich diese Überproduktion auf die Umwelt auswirkt, ist man dazu verpflichtet, weniger Zeug zu produzieren.

Anita Tillmann möchte Berlin zum wegweisenden Modestandort für Nachhaltigkeit machen
Foto: Marlene Sørensen, aus ihrem Buch Woher hat sie das?

Wie kann man die Marken davon überzeugen, ihre Strukturen zu überdenken und zu ändern?

Wachstum ist ja relativ. Wenn man Wachstum nur über Mehrproduktion schafft und am Ende wird alles weggeschmissen, ist das ja eine Milchmädchenrechnung. Die Frage ist doch, wie man nachhaltig wachsen kann. Die Hersteller sollten sich lieber auf ein Produkt spezialisieren und dieses so hochwertig produzieren, dass sie damit den globalen Markt bedienen können, statt einen Markt mit einer breiten Produktpalette zu überfluten, nach der es keinen Bedarf gibt. Klar möchten und müssen wir alle Geld verdienen. Ich glaube trotzdem fest daran, dass Wachstumsstrategien überdacht werden sollten. Wir müssen uns überlegen, wie man wachsen kann, ohne dabei der Umwelt zu schaden. Das eine schließt das andere nämlich nicht aus.

Die jüngste Studie von McKinsey und BOF „The State of Fashion 2019“ besagt jetzt, dass eine neue Generation von Konsumenten heranwächst, die „die absolute Transparenz“ fordert. Was entgegnen Sie dieser Forderung?

Mega. Das Unglück in Bangladesch hat unser Bewusstsein geschärft und die komplette Branche beeinflusst. Wir wollen genau wissen, was wir anziehen. Sind die Materialien umweltschonend und frei von Chemikalien, unter welchen Arbeitsbedingungen und wo wurde das Produkt hergestellt, sind heute wichtige Fragen, auf die der Kunde antworten verlangt. Um die Produktionskette transparent zu machen, braucht es meines Erachtens nach trotzdem Gesetze. Die europäische Regierung sollte sich darauf konzentrieren, die Produktion zurück nach Europa zu holen. Von allein wird das nicht passieren. Das kann Europa stärken, wir haben im Vergleich zu anderen Kontinenten wie etwa China immer noch die Hoheit auf den guten Geschmack, sowie eine enorme Kreativität und eine tief verankerte Kultur des Schneiderhandwerkes. Dem sollte man wieder Raum geben. So können wir auch den Umgang mit Nachhaltigkeit besser regulieren und als gutes Beispiel für den Rest der Welt vorangehen. 

Der Sunstainable-Talk mit Javier Goyeneche von Ecoalf findet am Mittwoch, 16.01.2018, 10 und 14 Uhr, 5. Etage, im Kühlhaus – gleich neben der Premium – statt.

Aufmacher Foto:

Marlene Sørensen

Aus dem Buch: Woher hat sie das?, 2018, Callwey Verlag, um 29, 95 Euro, erhältlich hier