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Irgendwo im Nirgendwo – eine Kindheit in Namibia

„Nee, du kommst nicht aus Afrika, das kann doch jeder sagen… aber Du bist doch weiss!”, „Habt Ihr Krokodile im Garten?”
“Nein, ich komm aus der Kalahari Wüste, da gibt es nur Sand, kein Wasser. Nur endlosen roten heissen Sand.” “Ohhh, aber warum sprichst du so gut Deutsch? Das ist doch jetzt nicht wahr.”
Das sind die Fragen, denen ich mich stellen mussten, als ich mit 15 Jahren zum ersten Mal nach Deutschland kam. Ins Gymnasium. Nach Uelzen, in der Lüneburger Heide. Da stand ich nun vor einer Klasse neugieriger Mitschüler und musste ihnen erklären, warum ich so blond bin und so gut deutsch spreche und das Ganze mit den Krokodilen im Garten.
Namibia. Wüstenland. Knapp über 2 Millionen Einwohner. Eins der jüngsten Länder der Welt. Ehemalige Deutsche Kolonie.  Zweieinhalb mal so gross wie Deutschland. Dimensionen, die man erstmal greifen muss. Unsere Farm ist 13000 ha gross. 13000 ha Sand. Und Klippen. Manchmal auch ein bisschen Gras. Und ein paar Schafe. Besser gesagt Karakulschafe. Die fressen nämlich Klippen und Sand. Irgendwo in Afrika. Irgendwo im Nirgendwo.
Da musste ich mir gezwungenermassen zum ersten Mal die Frage stellen, warum es eigentlich so komisch ist, dass ich aus Afrika komme. Weisse Afrikanerin zu sein. Darf man sich so nennen? In vierter Generation in Afrika? Beide Urgrossmütter wanderten Anfang des 19. Jahrhunderts auf eigene Faust nach Südwestafrika und Ostafrika aus. Der Ruf der Freiheit? Flucht aus dem Patriarchat? Drang nach Abenteuer? Abenteuer liegt uns wohl im Blut. Beide bleiben in der Kolonie. Afrika hat sie gepackt, sie können nicht mehr gehen. Beide haben mehrere Ehemänner, bekommen Kinder, schlagen tiefe Wurzeln in die rote Erde des wilden Kontinents.
„Identität ist etwas Kompliziertes. Wie definiert man sie? An dem was man Heimat nennen kann? Heimat nennen will? Dort wo man sie kulturell einzuordnen weiss? Oder dort wo das Herz am lautesten schlägt?“
„Nein, ich bin nicht Deutsch.” Seltsame Blicke treffen mich. Ich spreche tapfer weiter. „Ich bin Afrikanerin mit deutschen Wurzeln. Ich… Ach Mist! Immer baumelt man zwischen den Welten. Verdammt nochmal nein, ich gehör nach Afrika”, denke ich mir, sage es aber nicht. Versteht ja keiner. Mein Blick schweift in die Ferne, hin zum weiten Horizont. Wenn Du in dieser endlosen Einsamkeit grossgeworden bist, dann braucht der Blick Platz und die Seele noch viel mehr. Wie soll man das erklären? Identität ist etwas Kompliziertes. Wie definiert man sie? An dem was man Heimat nennen kann? Heimat nennen will? Dort wo man sie kulturell einzuordnen weiss? Oder dort wo das Herz am lautesten schlägt?
Dabei war doch bisher alles so völlig normal für mich. Im Gegenzug konnte ich nicht verstehen, warum es nun drei Schuhgeschäfte nebeneinander geben muss in Deutschland – und einen Brötchenstand an jeder Ecke. Von allem gab es ein Übermass, völliger Anschlag auf meine Sinne. Leben im Überfluss. Normal für mich ist, dass man hunderte von Kilometern über staubige Schotterpisten von der Schule nach Hause fährt. Jedes Jahr mindestens 10 gelbe Kobras im eigenen Hof erlegen muss. Dass man barfuss über den heissen Sand von einem kargen Schatten zum nächsten sprintet, damit man sich die Füsse nicht verkohlt. Wilde Ritte auf den Rücken unserer Ponys Puschel und Miramis durch die staubige Prärie. Natürlich ohne Sattel, trotz der ständigen Versuche meines Hengstes Puschel mich abzuwerfen. Normal ist, dass man eben mal so die Haustür ganz schnell wieder zuknallen muss, weil einem eine Tarantel oder ein Skorpion blitzschnell entgegen krabbelt.
Mit vier Jahren begleitete ich meinen Vater zum ersten Mal auf die Jagd. Sass vorne im Jeep und hielt mir die Ohren zu. Gut für ein Kleinkind? Sicher nicht. Dennoch völlig normal. Leben und Tod sind hier immer eng miteinander verknüpft. Dann gab es leckeres Wildfleisch zu essen. Mit organischem Gemüse aus dem mühsam vor der brennenden Wüstensonne geschützten und vor hungrigen Antilopen eingezäunten Garten. Eine ganze Kindheit lang habe ich barfuss im roten Sand getanzt und auf den Regen gewartet. Jede Wolke am Himmel wurde mit argwöhnischer Hoffnung verfolgt, jeder Regentropfen zärtlich begrüsst. ‘Stofnat’, Afrikaans für: der Staub wird nass. Regen und Dürre. Sandstürme, blanker roter Sand, Vorzimmer zur Hölle. Einsamer Ort am Ende der Welt. “Die Farm ist gross.” sagten sie. Die Erwachsenen. “Geht raus, im Haus habt Ihr nichts zu suchen.” Was hatten wir mit den Erwachsenen zu tun? Die Farm war ja gross und die Phantasie war noch grösser. Träume auf dem Sand. Fernsehen gab es nicht, das Internet war noch nicht erfunden und das Telefon teilte man sich mit den Nachbarn. Da kann man schnell vom Rand der Realität fallen…
„Heute schreibe ich Filme. Das ist meine Antwort auf das Echo der Fragen, die mich noch immer verfolgen. Wer bist Du? Wo gehört Du hin?“
Was macht man mit diesem unerschöpflichen Schatz einer ungezähmten Seele und der unerschöpflichen Phantasie, wenn man dann selbst erwachsen ist? Ja, was macht man mit dieser Kindheit? Wie kann man sie nachhaltig in den Schatz der Erinnerung integrieren?
Heute schreibe ich Filme. Das ist meine Antwort auf das Echo der Fragen, die mich noch immer verfolgen. Wer bist Du? Wo gehört Du hin? Hundert Jahre in der Vergangenheit spielend setzt sich ‘Das Mädchen am Ende der Welt” mit dem Schicksal einer jungen Deutschen Frau auseinander, die auf eigene Faust nach Afrika reiste und sich in der Deutschen Kolonie als alleinstehende Frau behaupten musste. Es soll ein grosser deutscher Kinofilm werden, spätestens 2020 wir in der Namibwüste gedreht. Meine Fragen werden dann auf die Leinwand verbannt. Vielleicht sind sie dann leichter zu beantworten? Ich weiss es nicht, aber ich glaube ich habe es zumindestens versucht.