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Menschen am Meer

Ich bin am Meer aufgewachsen. Nicht so nah, als dass ich das Meer hätte rauschen hören, aber wenn man mich fragt woher ich komme, sage ich immer „Vom Meer, von der Ostsee.“ Die Ostsee ist ein komisches Meer. Sie ist nicht so rau wie die Nordsee oder der atlantische Ozean und auch die Landschaft, die zu ihr führt, ist weit lieblicher. Keine flachen, windzerzausten Heidewiesen oder zerklüftete Klippen, sondern sanft gewellte Hügel, Felder und Wälder schmiegen sich direkt an sie heran. So vergisst man schnell, wie nah sie eigentlich ist.

Die Ostsee, die Nordsee, aber das Meer. Im Deutschen ist es ein Neutrum; im Französischen ist es eine Sie: la mer; im Italienischen ein Er: il mare. Im Türkischen, einer Sprache, die keine Artikel kennt, ist es schlicht: Meer: Deniz. Ein Mädchenname.

Zum Studieren bin ich vom Meer weggezogen. Einmal quer durch Deutschland an seinen südwestlichsten Zipfel. In Freiburg sind die Sommer heiß. Auch die Nächte sind heiß. So litt ich in meinem ersten Sommer dort vor allem in der Nacht. Ich lag wach und schwitzte. Keine frische – oder auch steife (wie der Norddeutsche sagt) – Brise versprach Abkühlung und selbst ein dünnes Laken war zu viel Stoff. Am Tage behaupteten die Baggerseen Erfrischung, aber kühle Meerestemperaturen gewöhnt, war das für mich eine lauwarme Badewanne. Aber nicht nur die Hitze machte mir zu schaffen, sondern auch die Enge. Am Meer ist es weit, der Blick kann in die Ferne schweifen, so weit bis er das Ende des Horizontes erreicht. Auch der Geist kann schweifen, sich von den Wellen schaukeln lassen und von fernen Ländern, die hinter dem Horizont liegen, träumen.

„Am Meer ist es weit, der Blick kann in die Ferne schweifen, so weit bis er das Ende des Horizontes erreicht.“

So haben Städte, die am Meer liegen, nicht selten eine bunte Geschichte und eine Einwohnerschar, die neugierig übers Wasser fuhr, um neue Handelsrouten oder gar Länder zu erkunden und dabei nicht nur fleißig Waren und Güter, sondern auch Gedanken und Ideen austauschten.

Die Venezianer etwa beherrschten von ihrer Lagunenstadt aus für einige Jahrhunderte den Handel des mittelalterlichen Europas und die Stadt war eine blühende Metropole. Von Byzanz aus – der Stadt zwischen den Kontinenten und den Meeren – weiß und schwarz – beherrschten die „oströmischen“ Kaiser ihr Riesenreich mit der berüchtigten byzantinischen Flotte, bis die Stadt 1453 von den Osmanen erobert wurde. Das Meer konnte Teil des eigenen Selbstverständnisses sein. So zeigen Stillleben um 1600 aus der Hafenstadt Antwerpen – im 16. Jahrhundert eine der reichsten und mächtigsten Handelsstädte Europas – dass das Meer und Wasser nicht als etwas Fremdes oder Gefährliches, sondern als Teil der eigenen Identität wahrgenommen und dargestellt wurde. „Alles Leben kommt aus dem Meer“, so Hippokrates.

So ist es sicher kein Zufall, dass Venus/Aphrodite, die Göttin der Schönheit, der Liebe und der Sinnlichen Begierde, der Legende nach aus dem Meer geboren wurde. Nach Hesiod ist sie die Tochter des Uranos, dessen Sohn Kronos ihm die Geschlechtsteile mit einem Sichelhieb abschnitt und ins Meer warf. Blut und Samen vermischten sich mit den Wellen, und aus dem Schaum ward Aphrodite geboren. Daher auch ihr Beiname: „die Schaumgeborene“. Besonders sinnlich hält diesen Moment Botticelli in seiner „Geburt der Venus“ fest, der die nackte Göttin in dem Augenblick ihrer Anlandung am Strand von Zypern zeigt.

„Alles Leben kommt aus dem Meer.“ Hippokrates.

Die Heilkräfte des Meeres entdeckten dann nach Zeiten in denen es in Westeuropa eine gewisse Skepsis gegenüber dem Wasser gegeben hatte, die Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts, als Ärzte in Europa begannen Meerluft und – Wasser als gesund zu propagieren.

Das vielbeschworene Reizklima führte gerade im späten 19. Jahrhundert zu Pilgerbewegungen – nun auch der bürgerlichen Schichten, Künstler und Prominenter – in Bäder an Ost- und Nordsee wie Heiligen Damm und Bansin im deutschen Kaiserreich und Deauville in Frankreich. Die mondänen Damen und Herren flanierten an den Promenden, atmeten die Luft ein und fühlten sich genesen.

Genauso geht es mir auch. Atme ich die prickelnde Seeluft ein, fühle ich wie Kopf und Geist klar werden. Nach einem Sprung in die kalte Ostsee, die piekt und kneift an einem warmen Apriltag, fühle ich mich selbst fast als Schaumgeborene Venus, so erfrischt und neugeboren.

Ich wohne heute in Berlin. Mit seinen Seen und der träge dahin fließenden Spree hat die Stadt zwar Wasser, aber kein Meer.

Irgendwann ziehe ich zurück, ans Meer!