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Weibliche Lust – zwischen Macht und Ohnmacht

Die Erfindung und Einführung einer kleinen Pille Anfang der 1960er in den USA und auch in Deutschland sowie die „sexuelle Revolution“ der 1968er, bedeuteten für zahlreiche Frauen, vor allem in Nordamerika und Westeuropa eine Befreiung und ließen sie Herr über ihren Körper und ihre Sexualität werden.

Heute wächst die Kritik an dieser Erzählung, denn in der Rückschau lässt sich einiges relativieren. Im Angesicht der #MeToo Debatte erscheint die Auffassung, dass wir heute – dank der Errungenschaften von vor 50 Jahren – in einer gleichberechtigten und sexuell befreiten Welt leben, veraltet und geradezu naiv.

Ganz klar, seit den Kämpfen der 68er um und für „sexuelle Befreiung“ und der Frauenbewegung für eine Gleichbehandlung von Frau und Mann hat sich viel getan: wurde die Pille von den Feministinnen der ersten Generation etwa noch als Befreiung gefeiert, so empfinden heute viele junge Frauen in Westeuropa das Absetzten der Pille als Befreiung.

Dass ich die Anti-Baby-Pille als Startpunkt meiner Überlegungen zum Thema weiblicher Sexualität gewählt habe, ist kein Zufall. Werden doch an diesem Beispiel die Spannungsfelder deutlich, zwischen denen sich Sexualität bewegt: Individuum, Gesellschaft, Natur, Macht und Kontrolle, Fortpflanzung und Lust.

„Sexualität ist weit mehr und abstrakter als der menschliche Drang nach Fortpflanzung, das zeigen auch die vielen Meinungsverschiedenheiten zu dem Thema.“

Wirft man einen Blick in verschiedene geisteswissenschaftliche Disziplinen, so wird hier Sexualität vornehmlich anhand der Konstruktivistischen Denkschule (Foucoult und der Feminismus lassen grüßen) verstanden. Weg von einer traditionellen Annahme, die Sexualität als eine universelle Naturkraft des menschlichen Daseins zu verstehen, wird sie heute zumeist als ein Konstrukt modern-westlich geprägten Denkens verstanden, dass mit Bedeutung aufgeladen ist und in anderen Kulturen ganz unterschiedlich begründet und motiviert wird und vorkommen kann.

Emily Witt: “Future Sex: A New Kind of Free Love” (2016), über amazon.de

Auf den ersten Blick erscheint es heute leichter und freier als Frau seine Sexualität ausleben zu können. Denn durch das Internet hat sich nochmal eine ganz neue Fülle von Angeboten an Sexualität aufgetan. Dating läuft heute über Tinder, Bumble etc., in Foren verabreden sich Polyamourös oder Pansexuell leben und liebende und etwa Furries (Menschen die eine sexuelle Anziehung zu antropomorphen Tieren verspüren und sich gerne als solche mit „Furrsuits“ verkleiden.), Blogs versprechen Aufklärung, sexuelle Erweckung und Befreiung und wenn das live Date nicht klappt verspricht der auf den Kink zugeschnittene Porno – mittlerweile auch in 3 D – und verstärkt mit einem Dildo, Befriedigung.

„Trotz alledem und geradezu paradoxer Weise ist Sexualität und vor allem weibliche Sexualität in der westlichen Hemisphäre immer noch ein größtenteils mit Scham behaftetes Thema.“

Gerade die Wahrnehmung und Darstellung von weiblicher Sexualität changiert auch im säkularisierten kulturellen Diskurs dabei immer noch häufig zwischen den Polen Madonna und Hure, ist widersprüchlich und im Kern zumeist von einer patriarchalischen Sichtweise geprägt.

Auf der einen Seite werden Frauen als Objekte männlicher Begierde inszeniert, geformt nach dem männlichen Blick (man denke nur an eines der offensichtlichsten Beispiele dafür: die gerade stattgefundene Victoria’s Secret Show in New York),sollen gefallen und sexuelles Begehren wecken, auf der anderen Seite sollen sie „rein“ sein. Sie sollen zu ihrer Sexualität stehen und sexuell aktiv und aufgeschlossen sein, gleichzeitig ist der Zugang zu Verhütungsmitteln reglementiert. Frauen, die dann tatsächlich zu Ihrer Sexualität stehen und diese offen ausleben, werden im Gegensatz zu Männern nicht selten als „umtriebig“ und „leicht zu haben“ bezeichnet (eine Formulierung, die ihnen en passant jegliche Eigeninitiative abspricht) oder mit anderen uncharmanten Adjektiven garniert. Und dies wohlgemerkt nicht nur von Männern!

Sandra Konrad: „Das beherrschte Geschlecht. Warum sie will, was er will“ (2017), über amazon.de

Für die Psychologin Sandra Konrad etwa, ist die sexuell selbstbestimmte Frau somit immer noch ein Trugbild. Nach der Beschäftigung mitpsychohistorischen und sexualwissenschaftlichen Quellen, sowie Interviews mit diversen Frauen, stellt sie die These auf, dass den westlichen Frauen ihre Sexualisierung und Unterwerfung als Emanzipation verkauft werde. So vergesse man bei der Betrachtung weiblicher Sexualität im 21. Jahrhundert häufig, dass mit der „sexuellen Revolution“ der 68er auch neue Zwänge und Normen entstanden. Denn die Frau, die lange Jahre passiv und sexuell desinteressiert sein sollte, wurde durch die 68er befreit und die ultimativ befreite Frau war und ist eine sexuell aktive und aufgeschlossene Frau. Ein Bild, das ins Extreme verkehrt, subtilen Zwang und Grenzverletzungen bedeuten kann, wie Konrad betont.

„Immer wieder erzählten mir Frauen in den Interviews, wie oft sie sich auf sexuelle Kontakte und Praktiken eingelassen haben, die ihnen nicht gefielen und die sie im Nachhinein als Grenzverletzungen wahrnahmen.“ sagt Konrad. So ist für sie das Tabu des 21. Jahrhundert nicht der Sex an sich, sondern die Abgrenzung und Formulierung der eigenen Wünsche. Also letztlich eine selbstermächtigte und selbstbestimmte weibliche Sexualität.

Diese sich selbstbehauptende weibliche Lust macht nicht selten vor allem der Männerwelt Angst und ist in ihrer extremsten Form, als unkontrollierbar alles verschlingende Kraft, ein in der Literatur und im Film stetig wiederkehrender Topos.

Dieser reicht von dem vor allem durch Sigmund Freud geprägten Mythos der Vagina Dentata, der „bezahnten Vagina“– der sich in der Südostasiatischen Mythologie wiederfinden lässt – die ihren Sexualpartner kastriert, bis zu Lars von Triers „Nymphomaniac.

„Die alles verschlingende weibliche Lust irritiert vor allem durch ihre Unkontrollierbarkeit. Und Kontrolle – vor allem soziale Kontrolle – ist ein Punkt, der immer mitschwingt, wenn es um das Thema weibliche Sexualität geht.“

Eine soziale Kontrolle, die immer noch anhält und so zwei norwegische Medizinstudentinnen dazu brachte ein Buch über die weibliche Lust und Sexualität zu schreiben, aufzuklären und mit Mythen aufzuräumen. Das Buch erschien in 30 Ländern und wurde ein Bestseller. Die beiden Autorinnen sprechen darin auch den, wie sie es nennen, „Mythos vom Jungfernhäutchen“ an, der sich laut ihrer Analyse immer noch „hartnäckig“ in der Popkultur hält und den sie anatomisch falsifizieren. Letztlich geht es ihnen in dem Buch vor allem darum, dass Frauen Wissen über ihren Körper erlangen, was sie als einen wichtigen Schritt im Selbstermächtigungsprozess verstehen. Ein Argument was ich persönlich für absolut richtig und wichtig halte! Denn nur wer bei Themen wie Abtreibungen oder Verhütung auch medizinisch Beschied weiß, kann eine für sich richtige Entscheidung treffen.

Aufklären und Kontrollmechanismen gegenüber weiblicher Sexualität aufzeigen, will auch der Film „Female Pleasure“. Darin begleitet die Schweizer Regisseurin Barbara Miller fünf Frauen in Afrika, Europa, Japan, Indien und bei chassidischen Amerikanern, die gegen religiös oder kulturell motivierte Unterdrückung der weiblichen Sexualität in den jeweiligen Gesellschaften kämpfen.

All diese Entwicklungen empfinde ich als absolut positive Tendenzen, da wir uns im Gros doch immer noch mit einer Kultur auseinandersetzen, die größtenteils als patriarchalisch, heterosexuell und heteronormativ etabliert ist. Filme, Literatur, Podcasts wie „Guys we fucked“, wo zwei amerikanische Comediennes schonungslos offen über Ihre Erfahrungen mit Sex und Beziehungen sprechen oder auch Pornoseiten wie kink.com oder zerospaces.com, der amerikanischen Pornodarstellerin, Schauspielerin und Autorin „Stoya“, (die alle Klischees einer Pornodarstellerin an der Nase herumführt) stellen hierbei eine Möglichkeit dar, sich zu bilden, den aktuellen Status quo zu hinterfragen und sowie eine eigene Stimme und ein Gefühl für seine Bedürfnisse und auch Abneigungen zu bekommen.

Stoya: “Philosophy, Pussycats, and Porn” (2018), über amazon.de

Josefine von Thun ist 1988 in Kiel geboren und aufgewachsen in Schleswig-Holstein mit Meer und See fast vor der eigenen Haustür. Sie verbrachte eine unbeschwerte Kindheit auf dem Land – ein bisschen wie auf Bullerbü. Ihr Geschichts- und Kunstgeschichtsstudium absolvierte sie in Freiburg, Berlin und Istanbul. Heute arbeitet sie für einen Digitalisierungsinkubator einer staatlichen Einrichtung. Sie liebt gutes Essen, Wein, Wärme und Istanbul und ist eine Geisteswissenschaftlerin mit Leib und Seele.